Sex als Eltern – Keine Zeit, zu müde, keine Lust

Bevor ich ein Kind hatte, hatte ich nie Probleme mit meiner Sexualität. Ich habe ein gutes Verhältnis zu meinem Körper gehabt und habe viel Spaß gehabt.

Als meine Tochter dann geboren war, fühlte sich mein Körper komisch an. Ich hatte ihn immerhin neun Monate lang geteilt. Jetzt war er verletzt und auf Babyversorgung eingestellt, ich hatte gar nicht das Gefühl, dass er mir gehört.

Ich musste mich damit abfinden, dass meine Brüste vor Milch spannten, dass mein Beckenboden mir Probleme bereitete und die Verletzungen durch die Geburt noch immer schmerzten. Darüber hinaus hatte die Schwangerschaft ein paar Versorgungspolster übriggelassen und meine Bauchdecke hatte sich auch noch nicht erholt.

Mit anderen Worten: das letzte woran ich dachte, war Sex.

Null Energie für Zweisamkeit

Zusätzlich war ich die meiste Zeit so müde und erschöpft, dass ich, selbst ohne diese körperlichen Sensationen, gar keine Energie dafür übrig hatte. Ich verspürte, im Gegensatz zu früher, gar keine Lust mehr.

Der Mangel an Lust ist übrigens auch durch Hormone erklärbar. In der Stillzeit ist es evolutionsbiologisch ungünstig, wenn man erneut schwanger wird. Daher sorgt dieser Trick der Natur dafür, dass noch etwas Zeit verstreicht.

Wenig Sex = Viele Konflikte

Und dann noch die Frage: Wo überhaupt Sex haben? Das Kind schlief ja im Beistellbett direkt neben uns.

Mein Freund hingegen war da anderer Ansicht. Er würde wahrscheinlich noch mit 40 Grad Fieber Sex haben, wenn ich es vorschlagen würde.

Was daraus resultierte, war ein großer Konflikt. Auf seiner Seite baute sich zusehends Unzufriedenheit und Kränkung durch die Zurückweisung auf, und ich war enttäuscht, dass er mir keine Zeit für meine Heilung und Körperneufindung zu geben schien.

So irre es klingt: nach der Geburt kam ich mir fast wieder jungfräulich vor. Ich hatte richtig Panik davor, wie es sich anfühlen würde, was ich empfinden würde.

Umgang mit unterschiedlichen Bedürfnissen als Paar

Ich hatte eigentlich ausschließlich ein Bedürfnis nach Nähe, Kuscheln, Gehalten werden, auf welches mein Partner wiederum keine Lust verspürte. Und auf Sex hatte ich wiederum keine Lust.

Ähnliche Problematiken habe ich bei vielen meiner Freundinnen gesehen. Gerade weil Intimität und Sex schließlich ein wichtiger Baustein der meisten Beziehungen sind, ist der Wegfall eine echte Bewährungsprobe.

Manche berichteten jedoch genau vom Gegenteil: der Wunsch der Frau nach Sex wird abgelehnt- ob durch den noch nicht verarbeiteten Anblick der Geburt, durch die Veränderte Rolle der Frau („die heilige Mutter“) oder anderen Gründen. Das Resultat ist jedoch ähnlich, es baut sich Frust auf.

Natürlich gibt es auch Frauen, die direkt nach der Geburt wieder Lust haben. Die können dann einfach diesen Artikel links liegen lassen und am besten: sich freuen.

Was tun, um als Eltern zusammenzukommen?

Sobald zwei Parteien unterschiedlicher Meinung sind, gibt es im Prinzip nur zwei Möglichkeiten:

Eine Partei rückt von ihrer Position ab.

Beide schließen einen Kompromiss.

Die Grundlage für dieses Handeln ist aber das Verständnis beider Seiten für die Position des anderen. Also hilft wieder einmal Reden.

Wir Psychotherapeuten lieben Reden. Wir halten es für heilsam. Deshalb ist es auch hier wichtig. Auch und gerade bei einem so heißen Thema wie Sex.

Platz für solche Diskussionen ist auch in dem Beziehungsjournal aus dem Mamimindful Journal. Da habe ich auch eine angeleitete Version hinzugelegt, falls der Einstieg in das Thema schwerfällt.

Reden, Reden, Reden für mehr Intimität

Da ich ja Psychotherapeutin bin habe ich schon mit vielen Leuten über Sex und Schwierigkeiten damit gesprochen. Was für mich relativ normal und verhältnismäßig unbeschämend ist, ist für manche aber ein Thema, was gerne ausgespart wird.

Wer es allerdings für sich behält und versucht mit sich selber auszumachen (und damit meine ich nicht Selbstbefriedigung), der läuft Gefahr die eigene Unzufriedenheit richtig auszubauen und dann eventuell bei anderen Themen direkt zu explodieren. Für eine anhaltende Beziehung ist das nicht sinnvoll.

Persönliche Gründe für die (Un-) Lust finden

Generelle Tipps zum Umgang hiermit gibt es nicht, da es sich um so ein hoch individuelles Thema handelt und die Gründe für die mangelnde Lust ja auch sehr vielfältig sein können Diese können ja reichen von „kein sexuelles Verlagen“ über „zu wenig Energie“ bis hin zu „großem Erwartungsdruck“.

Es ist hilfreich, sich genau diese (persönlichen) Gründe genau anzuschauen und dann gemeinsam Lösungen zu entwickeln. Eine Übung dazu findest du im Mamamindful Journal.

Tipps für Eltern-Sex

Einige allgemeine (und teils widersprüchliche) Inspirationen möchte ich noch teilen. Es handelt sich aber vielmehr um eine persönliche Liste als um eine fachliche. Gesammelt habe ich diese Vorschläge auch bei meinen Freundinnen- manchmal kann es helfen, sich eine andere Sichtweise zu holen, wenn man selbst nicht mehr weiterweiß.

  • Den Erwartungsdruck vermeiden. Lieber einen passenden Moment nutzen als auf einen perfekten warten.
  • Die Zeit die Hormone regeln lassen. Sich nicht selber stressen sondern auf den Körper hören und ihm die Zeit geben, die er braucht.
  • Einfach anfangen. Der Appetit kommt beim Essen.
  • Erotische Filme oder Literatur kann die Lust steigern.
  • Ein Ausführliches Vorspiel (alles was viele Männer nicht so gerne mögen: Massage, Streicheln…) ebenso.
  • Zeit vorher nehmen, sich schön zu machen (wie früher für ein Date).
  • Bewusst entscheiden, eine bestimmte Zeit lang keinen Sex zu haben (um nicht das Gefühl zu haben, den Partner zu enttäuschen bzw. Hoffnungen aufzubauen).

Die Zeit läuft für mehr Intimität und Sex

Und zum Abschluss noch ein Ausblick: Sex sieht heute, mit Kleinkind, durchaus anders aus. Die wenige Zeit, die man als Paar hat, will vielfältig genutzt und genossen werden.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Zeitfenster für Sex nicht gerade sehr groß sind. Und dass eine schnelle Entscheidung oder eine schnelle Nummer im Bad oft besser sind als erwartet.

Insgesamt wird es über die Zeit wieder einfacher. Wenn die Kommunikation stimmt, kann man sich auf die neue Situation (und den neuen Körper) einstellen. Und im Rahmen seiner neuen Möglichkeiten kreativ werden.

Und dann spricht nichts gegen ein erfülltes Sexualleben, auch wenn dies nicht am Sonntagmittag nach dem Ausschlafen auf dem Sofa stattfindet.

Wenn du die Worksheets und Infosheets direkt anschauen möchtest, klicke hier.