Gender Disappointment – Scham, Schuld, Traurigkeit

Gender Disappointment – Ein schwieriges Thema. Es löst Scham, Schuld und Traurigkeit aus. Keiner gibt es gerne zu. Und viele fühlen es.

Schon mit Beginn der Schwangerschaft ging bei mir das Kopfkino los. Was würde es werden, ein Junge oder ein Mädchen? Wie würde es aussehen? Würde es meine braunen Augen erben, oder das Kinn von Papa? Wie würde es sein, was würde aus ihr werden?

Ich war der festen Überzeugung, dass ich einen Sohn bekommen würde. Und als die Ärztin dann verkündete, dass dem nicht so sein würde, war ich in Schock. Ein Mädchen! Das hätte ich nie erwartet.

So viele sind enttäuscht

Es ist vollkommen legitim, sich etwas zu wünschen. Sich zu wünschen, dass es ein Mädchen wird, oder dass sie blaue Augen bekommt. Davon ganz unabhängig ist ja der Wunsch, ein gesundes Kind zu bekommen.

„Gender disappointment“ (Geschlechtsenttäuschung) ist ein häufig auftretender Zustand. Doch bei vielen Dingen rund um Kinder mögen viele das gar nicht aussprechen. Zu schnell werden sie mit der Moralkeule „Du musst um dein gesundes Kind dankbar sein“ niedergestreckt.

Diese (mögliche) Enttäuschung ist nur das erste Element einer langen Kette von weiteren Überraschungen, die auch als enttäuschend erlebt werden können.

Wünsche und unerfüllte Träume

  • Ich hätte gerne ein Kind mit Locken gehabt.
  • Ich hätte gerne ein ruhiges Kind gehabt.
  • Ich hätte lieber ein Kind gehabt, was gerne schläft.
  • Ich hätte lieber ein Kind gehabt, was sich für Puppen interessiert.

Mit dem steigenden Alter und der zunehmenden Ausbildung des Charakters warten lauter Dinge auf uns Eltern, die sich anders entwickeln als erwartet. Und was manche als interessant erleben, erleben andere als Enttäuschung.

All diese Bewertungen sind menschlich und haben ihre Berechtigung. Man muss sich nicht schlecht fühlen, nur weil man Wünsche hat. Und man kann gleichsam dankbar sein für das was man hat, als auch unerfüllte Träume betrauern.

Wünsche auf das Kind übertragen

Doch warum genau ist es für einige enttäuschend, wenn das Kind einen eigenen Willen und eigene Vorlieben hat? Meistens steht eine Zuschreibung eigener Wünsche und Pläne dahinter, die wiederum ganz individuell aus der persönlichen Entwicklung herrühren.

Eigene Sehnsüchte durch das Kind leben

Ich erinnere mich ungern daran, dass ich zwei Jahre meines jungen Lebens Ballett machen musste. Ich habe es gehasst und diesen Unwillen auch gerne kundgetan. Meine Mutter erzählte mir dann, dass es ihr größter Traum als Kind gewesen sei, eine Ballerina zu werden.

Daher gab sie ihr ganzes Alleinerziehendengeld für einen bekloppten russischen Ballettlehrer aus, der mir leider weder Spaß noch Grazie zu vermitteln vermochte.

Ihr Wunsch und vor allem ihre eigene Wiedergutmachung an sich selber liefen ins Leere. Es wurde sozusagen der falsche Mensch gefüttert, nämlich der, der gar keinen Hunger hatte. Und der, der Hunger hatte, blieb immer noch hungrig.

Dieses einfache Beispiel zeigt eine Übertragung der eigenen Wünsche auf die Kinder. Der Zusammenhang ist nicht immer so offensichtlich. Manche Wünsche werden auch viel subtiler übertragen. Und auch ein Gender Disappointment kann sich so manifestieren.

Disappointment mit dem eigenen WIllen des Kindes

Was all diese Wünsche gemein haben ist, dass sie oft nicht besonders förderlich für die kindliche Entwicklung sind, es geht ja um das persönliche Potential des Kindes. Außerdem sind sie auch nicht förderlich für die Eltern-Kind-Beziehung, da bei eigenen (elterlichen) Wünschen oft nicht der nötige Abstand fehlt, um das Geschehen neutral zu betrachten.

Manchmal sind diese Übertragungen regelrecht schädlich, manchmal sind sie nur verzweifelte Versuche, die in der Gesamtheit des Lebensweges untergehen und keine größere Rolle spielen.

Im Mamamindful Journal gibt es auch diese Woche eine Übung dazu. Dort wollen wir gemeinsam einen Umgang mit den eigenen Wünschen und den Wünschen für das Kind finden.

Schuld und Scham überwinden

Ich möchte nicht verteufeln, dass es diese eigenen Wünsche gibt. Die sind immer da und sie haben ihre Berechtigung. Mitunter sind sie sogar ein Motor dafür, überhaupt Kinder zu haben. Daher sollten sie wahrgenommen und gewertschätzt werden, und im besten Falle dann als ein eigener Wunsch klassifiziert werden, der ein Teil von mir ist.

Dieser Prozess erfordert oft eine Auseinandersetzung mit der eigenen Kindheit. Mit einem Experten an der Seite ist eine Aufarbeitung meist leichter. Aber sie hilft auch bei dem ganz persönlichen Wachstum, während das Kind als ein eigenständiges Individuum wachsen kann.

Psychotherapeutische Arbeit an einem Selbst

Eigene Trauer kann auftreten, wenn man zulassen kann, dass manche Wünsche aus der eigenen Kindheit nicht mehr erfüllt werden können – auch nicht durch einen Stellvertreter.

Für mich heißt die konkrete Herausforderung: wenn ich Hobbies anbieten werde, wird Ballett vielleicht nicht als mein erster Vorschlag dabei sein. Wenn sie es machen möchte, werde ich bestimmt die größte Abneigung verspüren. Aber vielleicht ist es genau ihr Potential, und ich möchte sie dann dabei unterstützen. Auch wenn es mir dann schwerfallen wird. Meine Mutter würde jedoch vermutlich begeistert sein.