PLÖTZLICH ALLEINE – Wieder neu lernen, ohne Kind zu sein

Um den ersten Geburtstag herum beginnen viele Kinder ihre Zeit in der Kita. Meine Tochter musste zwar noch bis nach ihrem 2. Geburtstag warten, aber die Erfahrungen, die ich gemacht habe, waren doch ähnlich denen, die vorher ihr Kind in die Betreuung gaben.

Über die Suche nach der Kita habe ich ja schon berichtet. Als wir endlich einen Platz ergattert hatten und es losging, war ich allerdings sehr aufgeregt. Viel aufgeregter als mein Kind.

Es war immerhin das erste Mal, dass ich meine Tochter außerhalb von Familie „abgab“. Ich hatte Sorge, dass sie nicht richtig gesehen wird, dass sie nicht meinen Vorstellungen entsprechend behandelt würde oder dass sie mich vermissen würde.

Als die Eingewöhnung dann endlich losging durfte ich anfangs mit ihr zusammen in der Gruppe bleiben. Bis heute beeindruckt mich, wie liebevoll die anderen Kinder meine Tochter aufnahmen. Sie machten Kontakt- oder Spieleangebote und ließen sich auch von Ablehnung nicht beirren.

Ich kann mich an keinen Job erinnern, wo ich so freundlich ins Team aufgenommen wurde. Von den Kindern konnte ich auf jeden Fall noch etwas lernen. Sie blieben unbeeindruckt davon, dass keine Lust bestand und hielten jede (auch noch so starke) Emotion gemeinsam aus.

Schließlich durfte ich mich aus dem Gruppenraum, jedoch nicht aus dem Gebäude entfernen, sondern wartete in einem Besprechungsraum. Ich starrte vorwiegend aus dem Fenster und stellte mir vor, wie mein armes Kind vollkommen verzweifelt nach mir sucht. Das war natürlich mitnichten der Fall. Erst blieb ich eine Stunde, dann zwei in diesem Raum, und dann wurde es mir auch erlaubt die Einrichtung für die abgesprochene Zeitspanne zu verlassen.

Als ich auf die Straße trat, kam ich mir vor, als habe ich meinen rechten Arm vergessen. Es fehlte mein Kinderwagen vor mir, es fehlte die Geräuschkulisse, es fehlte meine Daueraufmerksamkeit auf mein Kind.

Ich war plötzlich alleine, und ich wusste gar nichts mit mir anzufangen.

Ich hatte keinen wirklichen Plan und lief ein bisschen umher. Ich bestellte mir in einem Café einen Kaffee den ich heiß (!) trank. Ich erledigte den Einkauf im Supermarkt in Rekordzeit. Außerdem schaffte ich es noch zur Post und in den Drogeriemarkt. Und ich hatte immer noch Zeit übrig.

Es war ein solch komisches Gefühl, dass ich mich erst einmal ins Auto setzte und in Tränen ausbrach.

Ich weiß, dass ich mich in einer Luxusposition befand und nicht nahtlos in meinen Job einsteigen musste/ konnte/ durfte. Ich hatte die Zeit, die Ablösung selber ausführlich zu vollziehen. Mein Respekt gilt den Müttern, die direkt wieder in die nächste Verpflichtung springen.

Ein neuer Start

Was dann im Laufe der Zeit passierte, war schier großartig. Ich möchte nicht missverstanden werden, ich liebe mein Kind über alles. Aber es war so wunderbar, nicht mehr nur die Mutter zu sein.

Vieles von dem, nachdem ich mich in der Zeit davor gesehnt hatte, konnte ich plötzlich umsetzen. Ich konnte auf dem Sofa sitzen. Alleine ins Bad gehen. Ich konnte Erledigungen machen und ich konnte meine Gedanken sortieren. Oder ich konnte einfach noch eine Stunde schlafen.

Mit der schwierigen Zeit im Rücken konnte ich diese Kleinigkeiten plötzlich sehr genießen.

Es war eine Zeit der Neufindung meiner selbst. Es hatte mich belastet, meinen Job aufgegeben zu haben, und es war wichtig die eigene Entbehrlichkeit auf dem Arbeitsplatz zu erleben. Dadurch konnte ich jetzt neu überlegen, was mir eigentlich im Leben wichtig war.

Einen Umgang mit der neuen Situation finden

In solch einer erneuten Umbruchsituation im Leben treten häufig Krisen auf. Immer wenn sich etwas signifikant ändert, wird eine Anpassungsleistung von dem Menschen erfordert. Die erfolgreiche Bewältigung geht oft mit einer verbesserten Lebenssituation und mehr Zufriedenheit einher, die erfolglosen Bemühungen einer Anpassung hingegen bewirken das Gegenteil.

Für viele Frauen kommt in dieser Zeit eine neue Doppelbelastung hinzu, die sich auf verschiedenen Ebenen zeigen kann. Aus den Ansprüchen zweier Arbeitsplätze gerecht zu werden resultiert oftmals eine ungute Situation der Unzufriedenheit auf allen Bereichen.

Um einen guten Weg in das wiederum veränderte Leben zu finden, darf die eigene Auseinandersetzung damit nicht zu kurz kommen. Viele Aufgaben wollen jetzt unbewusst und bewusst bewältigt werden. Herausgreifen möchte ich

  • Die Aufrechterhaltung der Selbstfürsorge.
  • Die Anpassung von Ansprüchen an die eigene Person.
  • Die Integration der neuen Rolle in das Selbstbild.

Selbstfürsorge erhalten

Gerade jetzt, wenn die Zeit noch knapper wird, sollte die Selbstfürsorge noch wichtiger genommen werden. Einige Übungen zur Selbstfürsorge haben wir schon besprochen. Die, die am besten zu dir passen solltest du jetzt wieder verstärkt anwenden. Und dabei ist es egal, ob es sich um Achtsamkeitsübungen, Belohnungstagebuch, positive Aktivitäten oder eine ganz andere Übung handelt.

Für die, die gerne die Achtsamkeitsübungen durchführen, stelle ich im Mamamindful Journal noch eine neue Übung vor, und zwar eine die die Achtsamkeit in alltäglichen Dingen zum Inhalt hat.

Eine neue Achtsamkeitsübung möchte ich als Inspiration diese Woche vorstellen, und zwar eine zur Achtsamkeit im Alltag:

Ansprüche anpassen

In einer Zeit, in der die Anforderungen steigen ist es besonders wichtig, die eigenen Ansprüche genau zu prüfen. Wenn es zurück in die Arbeit geht, werden neue, ungeahnte Herausforderungen eintreten. Vermutlich kann keiner genauso in den Job zurückkehren, wie er gegangen ist.

Die Prioritäten haben sich verschoben, das Kind wird vielleicht krank, es häufen sich Fehlzeiten an. Auf der anderen Seite ist das Kind von anderen Menschen betreut und es kann ein Schuldgefühl entstehen. Realistische Anforderungen an die Doppelrolle sollten idealisierte Ansprüche ablösen.

Eine Übung zur Erarbeitung realistischer Ansprüche an dich selber findest du wieder im Mamamindful Journal.

Integration der neuen Rolle

Zur Integration der neuen Rolle als arbeitende Mama oder Mama mit Kind in der Kita empfehle ich die Brief-Übung aus der Woche 37 erneut durchzuführen. Es kann guttun, sich von den Elementen zu verabschieden, die jetzt nicht mehr stattfinden. Hierzu zählen zum Beispiel die absolute Exklusivitätszeit zwischen Mutter und Kind rund um die Uhr oder die ausschließlich gemeinsamen Erlebnisse des Kindes.

Die Lernaufgabe besteht nun darin, die Erlebnisse anzunehmen und zu wertschätzen, die an diese Stelle treten. Dazu gehören zum Beispiel eigene Erfahrungen des Kindes die die Selbständigkeit und den Erfahrungshorizont fördern, oder auf Seiten der Mutter das Tätigwerden in einem anderen Bereich als dem der Mutterrolle.

Manchmal braucht man eine Pause

Meine Tochter geht überwiegend gerne in die Kita. Es gibt Tage, an denen ich sie auch unter Protest hinbringe. Dann fühle ich mich gerne wie die schlimmste Mutter auf Erden. Für uns bleibt es die beste Entscheidung. Ich habe wieder begonnen, mich selbst wahrzunehmen und in den Fokus zu stellen. Und mein Kind erlebt neue Dinge, die sie ebenfalls wachsen lässt.

Als ich nach den Ferien mein Kind den ersten Tag wieder hinbrachte, die Kita war zwei Wochen geschlossen, rissen alle Mütter in der Eingangstür die Arme hoch wie auf der Zielgraden und freuten sich, die Kinder in die Gruppe zu bringen.

Ich beobachtete dieses Phänomen noch eine Weile, obwohl ich mein Kind schon abgegeben hatte. Ich unterhielt mich mit einigen von Ihnen und beglückwünschte sie zum Ende der Ferien. Wir lachten und stiefelten dann ohne Kinder hinaus in unsere Leben. Und wir waren uns alle einig. Manchmal brauchen alle voneinander eine Pause.

Wenn du die Worksheets und Infosheets direkt anschauen möchtest, klicke hier.


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