ACH, DU BIST JA AUCH NOCH DA! – Paarbeziehung neu entdecken

Wer diese Woche erreicht hat und noch immer als Paar zusammen ist, dem möchte ich an dieser Stelle einmal herzlich gratulieren. Wer sogar noch miteinander redet und sich liebt, der verdient einen Orden.

Ganz zu Beginn des Kurses schrieb ich ja schon über die Tücken, die ein Kind mit in die Paarbeziehung bringt (Woche 14). Nach bald einem Jahr haben sich von diesen Tücken eine Menge angesammelt. 

Neue Rollen haben sich entwickelt – aus der Frau ist eine Mutter geworden, aus dem Mann ein Vater. Neue Seiten wurden durch die Belastungen und Umstellungen sichtbar. 

Zu schnell gerät man in ein Hamsterrad von Alltag, Pflichten und Aufgaben. Darunter leidet eine Paarbeziehung schnell. Wo ich mir vorher Zeit genommen hatte, meinen Partner nach seinem Tag zu fragen, drücke ich ihm jetzt schnell das Kind in die Hand und renne zum Sport. Wo vorher Zeit für Zweisamkeit oder Sexualität war ist jetzt Schlafen angesagt. Wo vorher interessante Aktivitäten geplant waren, wird jetzt auf dem Spielplatz gesessen (oder hinter dem Kind hergerannt). 

All das geht natürlich auf Kosten der Beziehung. Wem es gelungen ist, sich Oasen für die Partnerzeit zu schaffen, der hat alles richtig gemacht. Die meisten aber werden erst dann, wenn das Baby größer ist, wieder einen Sinn für die Partnerschaft haben. 

Ich habe viel Zeit verstreichen lassen, bis es zu dem ersten Abend kam, an dem mein Partner und ich ohne unsere Tochter einen Abend verbrachten. Meine kluge Schwägerin hatte uns eine Weinprobe geschenkt und ohne weitere Diskussion das Kind übernommen. Ich schaute dauernd auf mein Handy. Ich war in Gedanken ganz bei meiner Tochter. Erst zu fortgeschrittener Stunde wurde mir klar, was eigentlich passierte. Wir waren wieder ein Paar. Wie saßen zusammen mit einem Glas Wein in einem Restaurant. Wir hatten Zeit für uns. 

An diesem Abend haben wir uns kaum unterhalten. Wir haben die Ruhe genossen und die Gesellschaft von erwachsenen Menschen, die weder wussten, dass wir eine Tochter haben noch von denen wir etwas über ihre persönlichen Hintergründe wussten. Wir erzählten von Reisen oder Interessen. Es ging nicht um Kita, Windeln, Schlafen oder ob das Kind schon laufen kann. Es ging um uns. 

Erneute Verschiebung

Diese Phase in der Partnerschaft kann durchaus kritisch sein. Der Partner ist schließlich ein anderer Mensch geworden, genauso, wie die Mutterschaft auch einen selbst verändert hat. Hier stellen sich manche Paare die Frage, ob sie als Paar weiter machen wollen, oder als Eltern. Diese Frage muss noch nicht einmal bewusst sein. Aber die Weichen stellen sich. 

Ich wollte diese Zeit als Chance sehen sich als Paar wieder neu zu finden und im Rahmen der neuen Möglichkeiten das Beste aus der Partnerschaft zu machen. 

Jede erfolgreiche und lange Paarbeziehung bedarf immer wieder der erneuten Entscheidung für den Partner und überdies hinaus ein stetiges Arbeiten an dem Bündnis. Und zwar nicht nur in Zeiten von Krisen, sondern auch (oder vielleicht gerade dann) in Zeiten der Harmonie.

Sich wieder kennenlernen

Daher möchte ich eine sehr schöne Übung vorschlagen, die Teil des Beziehungstagebuchs aus dem Mamamindful Journal ist. Es geht dabei darum, sich neu kennenzulernen und neu zu entdecken. Dabei geht es um Wünsche, Vorlieben und Interessen im Jetzt und Hier und in der Zukunft. Gegenseitig werden sich Fragen gestellt.

Da es hier um die Wahrnehmung des Partners geht, gibt es auch kein richtig oder falsch. Wenn zum Beispiel wahrgenommen wird, dass jetzt „alles andere wichtiger ist als ich“, dann entspricht das der Realität des Partners. Ein „das stimmt aber nicht!“ wird dies nicht ändern. Es ist dann vielmehr sinnvoll, die gegenseitigen Wahrnehmungen abzustimmen, nach den Gründen zu fragen oder daraus schließlich Handlungsoptionen (gemeinsam) abzuleiten. 

Zusatzaufgabe

Als kleine zusätzliche Aufgabe möchte ich noch eine Methode vorschlagen. Um eine positive Grundstimmung zu schaffen, sollte dem Partner jeden Tag wertschätzend begegnet werden. Dies kann in Form eines Komplimentes oder einer liebevollen Geste geschehen, oder auch in einer anderen Art und Weise. Die Unterlagen hierzu sind auch im Mamamindful Journal zu finden. 

Über die Wichtigkeit von Wertschätzung habe ich ja schon einmal geschrieben (LINK). Bei dem eigenen Wunsch nach dieser wird häufig ganz vergessen, dass andere diese Wünsche auch haben. Und darüber hinaus ist ein liebevoller Umgang miteinander eine gute Basis für eine glückliche Partnerschaft. 

Ich habe meinen Partner tatsächlich noch einmal neu kennengelernt. Es wurde mir noch deutlicher, was ihm im Leben insgesamt und in der Partnerschaft im speziellen wichtig ist. Auch mir persönlich wurde noch einmal klarer, was ich mir überhaupt wünsche oder warum ich eigentlich manchmal unzufrieden war. 

Trennung

In manchen Fällen zeigt es sich jedoch auch, dass eine Weiterführung der Partnerschaft nicht die beste Option ist. Unter der Extrembelastung kristallisieren sich die Schwächen einer Beziehung oft noch mehr heraus. Unterschiedliche Wünsche und Ansprüche können dann ein Paar auseinanderziehen. 

Ein Versuch, die Beziehung neu zu gestalten ist fast immer eine gute Idee, auch hierfür kann die hier beschriebene Übung hilfreich sein. Außerdem kann professionelle Hilfe herangezogen werden, wenn man eventuell schon so verstrickt ist, dass man sich alleine nicht frei genug machen kann, um die Beziehung konstruktiv zu überdenken. Eine Paarberatung kann noch einmal Impulse geben, um sich wieder annähern zu können. 

Wer dann schlussendlich doch zu dem Ergebnis kommt, dass eine Trennung das Beste ist, der wagt einen mutigen Schritt. Viele Dinge sind dann zu klären und festzulegen. 

Für eine Familie ist es nicht ideal, nur wegen der Kinder zusammen zu bleiben. Kinder haben feinste Sensoren und spüren Streitigkeiten oder Frustrationen schneller als wir Erwachsene. Auch persönlich ist es keine Traumvorstellung, in einer unglücklichen Beziehung zu verweilen. 

Auch in so einer Situation gibt es Hilfe und Unterstützung, zum Beispiel bei niedergelassenen Kollegen, Beratungsstellen oder dem Jugendamt. Und Hilfe in Anspruch zu nehmen, wenn man alleine nicht weiterkommt, ist eine Stärke und keine Schwäche. 

Wenn du die Worksheets und Infosheets direkt anschauen möchtest, klicke hier.


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