NOCH EIN KIND? – Von Wünschen verabschieden

In den ersten Wochen und Monaten nach der Geburt meiner Tochter konnte ich es mir nicht im Entferntesten vorstellen, noch einmal diese Überbelastung durchzumachen. Ich war mir sicher: mein Kind bleibt ein Einzelkind.

Doch als ich es langsam überblicken konnte, dass ich das erste Jahr überstanden hatte und wir alle noch am Leben waren, keimte plötzlich ein Gedanke in mir auf. Ich wollte noch eines.

Ich weiß nicht, ob es die niederen evolutionsbiologischen Programme waren, die langsam aber sicher die Erinnerung an meine nicht sehr erfreuliche Schwangerschaft, den krassen Schlafentzug, die Schmerzen, die Angst und die Überanstrengung wegwischten.

Es erschien mir aber absolut wünschenswert, noch einmal einen kleinen Menschen zu erschaffen. Wenn ich meine Tochter ansah, dann fragte ich mich, wem sie ähnlichsah, ich war so begeistert von ihrem eigenen Charakter und ihrem Wesen.

Dazu kam, dass ich mich eh schon aus meiner Karriere rausgeschossen hatte und meine „Verluste“ diesmal nicht so massiv zu erwarten wären.

Es ist irre, nach einem solchen Jahr den Wunsch zu hegen, es noch einmal zu wiederholen. Aber ich konnte nicht anders, ich wollte.

Mein Partner hingegen war von der Evolutionsbiologie nicht berührt. Rational wie er ist stellte er knallhart das vergangene Jahr als das dar, was es gewesen war: ein echter Marathon. Er wollte lieber die langsam wieder zurückkommende Freiheit weiter genießen.

Die Macht der Evolution

In vielen Partnerschaften entsteht ein solcher Konflikt. Die Gründe für die unterschiedlichen Meinungen können persönlich oder wirtschaftlich sein oder aus noch anderen Quellen gespeist werden.

Die Entscheidung für ein Kind hat eine Tragweite, die man nach dem ersten Kind vermutlich erst verstehen kann. Daher sollte sie im Idealfall nicht leichtfertig getroffen werden.

Dass ein Kinderwunsch aber viele Moralvorstellungen kippen oder Frauen zu tollkühnen Taten bewegen kann, ist auch bekannt. Er ist so ursprünglich und biologisch angestoßen, dass viele sich nicht dagegen wehren können.

Ich kenne Frauen, die ganz bewusst ein Kind mit einem Mann planten, der davon noch nichts wusste. Ich kenne Frauen, die ihren Partner bezüglich der Verhütung angelogen haben. Ich kenne sogar Frauen, die ganz ohne Partner ihren Wunsch mit Hilfe einer Samenbank erfüllt haben.

All diese Frauen sind Mütter geworden und haben sich den größten Wunsch erfüllt. Ich möchte über keine urteilen, denn auch ich weiß, wie stark der Wunsch sein kann.

Männer erleben diesen Wunsch statistisch gesehen weniger. Für viele gehört ein Kind nicht unbedingt zu einem glücklichen Lebensentwurf dazu.

Auf diesem Hintergrund ist eine rationale Diskussion natürlich schwierig. Auch für mich zählten bei dem Wunsch nach einem zweiten Kind emotionale Gründe viel mehr als rationale. Rational betrachtet ergab es keinen Sinn, noch ein Kind zu bekommen. Das konnte ich durchaus sehen.

Einen Wunsch loslassen

All die Unterhaltungen über dieses Thema brachten bei uns keinen Konsens. Und da ich mir nicht vorstellen konnte, gegen den Willen des Vaters ein Kind zu bekommen, musste ich meinen Wunsch begraben.

Mir ist bewusst, dass ich darüber glücklich sein kann, so ein tolles und gesundes Kind zu haben. Es gibt Frauen, die kämpfen ihr halbes Leben darum, ein Kind zu bekommen. Ich kann mir das Leid und die Enttäuschung gar nicht vorstellen, die sie ertragen müssen.

Auch Mütter, die die große Aufgabe haben, ein Kind mit erweiterten Bedürfnissen unter ihre Flügel bekommen zu haben, werden mich vielleicht in der einen oder anderen Minute um meine Position beneiden.

Doch darüber hinaus war ich traurig, und ich hatte ein Recht dazu. Das eigene Leid darf betrauert werden, auch wenn es noch viel größeres Leid auf der Welt gibt.

Frieden mit der Situation schließen

Mein Leben war so, wie es war. Diese achtsame Äußerung ohne Bewertung hätte ich gerne so stehen gelassen. Doch um sie zu bewerten: Mein Leben war gut, so wie es war.

  • Bei all den Konflikten waren mein Partner und ich noch zusammen und entschieden, den Weg weiter gemeinsam zu gehen.
  • Bei all der Schlaflosigkeit hatte ich so viel über meine Kräfte gelernt.
  • Bei all der Anstrengung, die mein Kind mit sich brachte, entwickelte sie sich prächtig.
  • Bei all den finanziellen Einbußen hatten wir immer noch genug Geld, um unser Leben zu finanzieren.
  • Bei all den Herausforderungen hatte ich diese doch bewältigt.

Ich fühlte mich eigentlich richtig gut. Ich hatte das erste Jahr fast überstanden, und dafür wollte ich mir eine imaginäre Medaille umhängen. Dass ich darüber hinaus noch Wünsche hatte, die sich nicht erfüllen würden, trug ich gut verpackt in meinem Herzen mit mir herum. Auch dies war und ist ein Teil von mir.

Count your blessings

Der Wunsch nach einem zweiten Kind steht für mich sinnbildlich für all die Wünsche, die andere Frauen nach dem ersten Jahr haben und die sich nicht erfüllen lassen.

Es gibt immer Träume, die zerplatzen. Und dabei ist es wichtig, sich von dem Traum zu verabschieden und dann den Fokus wieder auf das zu legen, was das Leben uns geschenkt hat.

Im englischen gibt es den Ausdruck „Count your blessings“. Sinngemäß bedeutet er „zähle die Segen, die du bekommen hast“. Als Übung soll sie diese Woche herhalten. Im Mamamindful Journal ist sie auch zu finden.

Wer das zu schätzen weiß, was er hat, der hat auch die beste Grundlage dafür, weiter zu streben. Ich halte es grundsätzlich für nicht optimal, sich mit dem was man hat zufrieden zu geben. Ich halte es für optimal, nach mehr zu streben. Aber genau dieses Streben sollte in eine Richtung gehen, die realistisch ist. Und an zerbrochenen Träumen zu hängen hemmt nur die Fähigkeit, seine Energie sinnvoll einzusetzen.

Wenn du die Worksheets und Infosheets direkt anschauen möchtest, klicke hier.


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