MEHR ALS HAUSFRAU UND MUTTER – Die neue Rolle integrieren

Mein Baby war jetzt bereits über ein halbes Jahr alt. Es hatte viel gelernt, sich prächtig entwickelt und ich begann zu sehen, wie sehr sich ihr Charakter zeigte. Das war etwas, was mich überraschte. 

Im Studium hatte ich viele Theorien gelernt über die Entwicklung des Charakters. Dass es ein Zusammenspiel war zwischen äußeren Einflüssen und genetischer Anlage. Ich war bislang immer davon überzeugt gewesen, dass die äußeren Einflüsse das Wichtigste waren. 

Doch mein Kind zeigte seinen eigenen Charakter von Tag 1 an. Jetzt stand es für mich fest, dass Grundzüge einfach vererbt waren. Es erfüllte mich mit Staunen. 

Auch ich habe einen eigenen Charakter, der durch meine Gene und meine Sozialisationsbedingungen geprägt ist. Ich hatte mir ein Leben aufgebaut, welches dem entsprach. 

Mit der Ankunft meiner Tochter wurde ich aus diesem Fahrwasser herausgerissen und in ein neues geworfen. Die Entscheidung dafür hatte ich bestimmt auch aufgrund meines Charakters gefällt. 

Doch ich würde lügen, wenn mich nicht plötzlich Selbstzweifel überkamen. 

Ich war Mutter, ich war Hausfrau. Etwas, das ich in dieser Kombination verabscheut hatte (dank meines feministisch geprägten Hintergrundes) und was ich außerdem stark unterschätzt hatte. 

Langsam und schleichend hatte sich diese Rollenverteilung aufgebaut. Ich wusch die Wäsche, kochte, putzte, kaufte ein, kümmerte mich um mein Kind. 

Ich betrachtete mein Leben und dachte: Nein. 

Ich wollte nicht nur Mutter sein, ich wollte nicht nur am Herd stehen, und über all das hinaus wollte ich meiner Tochter auch nicht diese Rollenverteilung vorleben. 

Zur Erinnerung: vorher war ich eine Führungskraft in einer Klinik gewesen. Mit zwei akademischen Abschlüssen in der Tasche. Jetzt faltete ich jetzt Socken. 

Das soll nicht überheblich klingen, ich möchte an dieser Stelle noch einmal festhalten, dass mein aktueller Job als Hausfrau und Mutter der härteste war, den ich je hatte. Ehrlich. 

Aber für mich ganz persönlich erschien mein Leben wie eine geistige Ödnis. Ich vermisste die inspirierenden fachlichen Gespräche, den Einsatz meiner beruflichen Fähigkeiten, die andere Rolle, die ich mir erworben hatte. So viel Freude mein Kind mir auch brachte, es gab noch eine andere Seite in mir, die klingen wollte.

Ich zweifelte daran, ob der eingeschlagene Weg der richtige war. Ich hatte mir so vorgenommen, nicht auf einem Spielplatz zu verdummen. Und genau das passierte jetzt. 

Das klingt vielleicht undankbar, und manche Frau wird jetzt die moralische Keule schwingen: „Das weiß man doch vorher! Es gibt doch nichts wertvolleres als ein Kind zu begleiten!“ 

Absolut richtig. Dennoch haderte ich mit mir und meiner neuen Lebensaufgabe. 

In den Charakter integrieren

Das ich so hin- und hergerissen war, liegt bestimmt in meiner Persönlichkeit oder meinem Charakter begründet. In der Persönlichkeit finden sich unsere Art, die Welt wahrzunehmen und zu interpretieren, unsere Vorlieben, unsere Wünsche und Ausprägungen, Werte und Normen, unsere Art zu sein. 

Bei jedem kritischen Lebensereignis (und dazu zähle ich die Geburt eines Kindes), muss die neue Erfahrung in das Selbstbild und in den Charakter integriert werden. Das passiert manchmal automatisch und einfach, manchmal erfordert es aber auch Arbeit. 

Um aber aus Selbstzweifeln oder Verunsicherungen heraus zu kommen, halte ich es für unabdingbar. 

Ein ganzheitliches Bild schaffen

Um diese Integration zu vollziehen ist es vorher notwendig, die eigenen Persönlichkeitseigenschaften zu identifizieren. Dazu müssen wir unser Bild von uns selbst einmal etwas näher betrachten. 

Aus meiner beruflichen Erfahrung weiß ich, dass die wenigsten Menschen diesen Schritt gehen. Doch geraten sie in eine Krise, wie ich jetzt, dann lohnt sich auch das etwas tiefere Buddeln. Im Mamamindful Journal ist eine Übung hierzu zu finden. 

Diese Übung kann allerdings maximal die Grundsteine legen. Eine Arbeit an der Persönlichkeit ist die Königsklasse der Psychotherapie. Sie erfordert professionelle Hilfe von außen, Zeit, viel Reflektion und vor allem sollte sie am besten dann durchgeführt werden, wenn man in einer stabilen Lebenssituation ist. 

Und weil uns dies alles im Moment leider nicht gegeben ist, vereinfachen wir den Prozess und stoßen ihn an. Wir wollen beginnen, ein neues Bild der eigenen Person entstehen zu lassen, welches den neuen Anteil, den der Mutterrolle, mit einbezieht. 

Herausforderungen bewältigen

Speziell geht es also nicht in erster Linie um die Veränderung der eigenen Persönlichkeit, denn die ist schließlich ja zum Teil gottgegeben. Es geht um die Bewältigung der Herausforderungen, die durch die neue Rolle entstanden sind. Und diese entstehen ja aus der Persönlichkeit heraus. 

Eine Frau, die eh nicht gerne im Mittelpunkt steht, erlebt auch keine Kränkung dadurch, dass ihr Kind jetzt meist im Fokus ist. Andererseits wird eine Frau, die ein sehr großes Bedürfnis nach Kontrolle hat, eine große Aufgabe darin finden, dass nicht mehr so viel in ihrem Einflussgebiet liegt, seit sie ein Baby hat. 

Wem es also gelingt, die eigenen „heißen Eisen“ zu identifizieren, der kann sich auch viel besser auf Herausforderungen vorbereiten und mit besseren Handlungsstrategien dort heran gehen. 

Veränderungen akzeptieren

Meine Selbstzweifel wurden erst weniger, als ich lernte, einige Einschränkungen zu akzeptieren, die die Mutterschaft mit sich brachte. Es sind ja auch nicht nur Einschränkungen, sondern auch neue, schöne Erfahrungen. Trotzdem verdienen auch die persönlich als negativ empfundenen Veränderungen Gehör. 

Es ist keiner damit geholfen zu hören: „aber ein Kind ist doch das größte Geschenk und Glück“, wenn diese Frau auch andere Wünsche an ihre Lebensgestaltung hat. Die erlebten Verluste durch dieses „Glück“ müssen erst integriert werden, um einem solchen Satz überhaupt ansatzweise zustimmen zu können. 

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