Kind nervt – Verstehe deine Gefühle

„Kind nervt mich!“ Darf man so etwas überhaupt denken? Oder sagen? Ist es nicht entgegen der Natur, sein Baby nervend zu finden?

Routinen schaffen Platz zum Denken

Inzwischen sind schon vier Monate vergangen, die du nicht mehr alleine bist, sondern in denen du ein Kind hast. Ihr konntet euch schon etwas kennenlernen und aneinander gewöhnen.

Ungefähr zu dieser Zeit hatte ich eine Art Routine entwickelt: ich hatte keine Schwierigkeiten mehr beim Windeln wechseln, An- und Auskleiden klappte wunderbar, ich hatte ein Zeitmanangement und wusste wann meine Tochter besser oder schlechter gelaunt war oder Hunger hatte.

Natürlich gab es hier auch noch Abweichungen und Überraschungen, aber ich fühlte mich etwas sicherer in meiner Rolle.

Anlage und Umwelt

Mir war schon länger klar, dass ich einen eigenständigen Menschen mit einem eigenen Charakter auf die Welt verholfen hatte. Anders als einige meiner Freundlinnen hatte ich auch in der Schwangerschaft nie so ein „Symbiose“-Gefühl, dass das Baby und ich absolut eins seien. Ich hatte vielmehr das Gefühl, ich dürfte der Ort sein, in dem ein eigenes Leben wächst.

Im Studium hatte ich viel über Anlage und Erziehung gelesen. Was ist schon in den Genen? Und was wird im Laufe des Lebens erworben?

Ich mag mein Baby nicht

Ich war sehr überrascht zu sehen, dass meine Tochter schon sehr viel mitbrachte, ohne dass ich etwas dazugetan hätte. Sie schien fröhlich, an Menschen interessiert, mochte Action und war lebhaft und aufgeschlossen. Sie hat nie wirklich gefremdelt. Auch heute ist sie am liebsten in Gemeinschaft.

Einiges, was ich in ihr zu sehen glaubte, kannte ich von mir. Anderes war mir sehr fremd. Meine neue Mitbewohnerin, mit der ich den Rest meines Lebens verbringen durfte, war mir einfach so von der Natur zugeteilt worden.

Ich liebe sie, das steht fester als alles auf der Welt. Kann man überhaupt einen Menschen lieben, den man nicht kennt?

Selber habe ich diese Erfahrung nicht gemacht, aber ich bin häufig darauf gestoßen. Auf ein Thema, was durchaus heikel ist. Was mache ich, wenn ich mein Kind nicht mag?

Gründe, warum das Baby nervt

Die Gründe können vielfältig sein. Vielleicht ist es eine Eigenschaft oder das Aussehen des Partners, mit dem die Beziehung nicht mehr gut ist. Vielleicht ist es das ständige Geschrei und die Fruchtlosigkeit der eigenen Bemühungen, zu helfen. Vielleicht ist es das Leben, dass nun an einem vorbeizieht und man sich durch das Kind ausgeschlossen fühlt. Vielleicht ist es die Vielzahl an Verzicht oder die Opfer, die man nun für dieses Kind gebracht hat.

All das kann dann dazu führen, dass die Haltung zu dem eigenen Kind nicht mehr wohlgesonnen ist. Dass das Kind nervt.

Was dahinter steht ist meist eine Zuschreibung, die mit dem Kind an sich weniger zu tun hat. Vielmehr mit der eigenen Person.

Negative Gefühle sind normal

Genetisch sind wir dazu verdammt oder damit gesegnet, unsere Kinder zu lieben. Und das tun wir alle. Das ist die Evolution, das ist das Fortbestehen der menschlichen Rasse.

Gegen dieses Gefühl kann man nichts tun und auch nichts dafür. Es ist da. Selbst dann, wenn es gerade verschüttet ist.

Abneigungen oder negative Gefühle insgesamt haben erst einmal nichts mit dieser Liebe zu tun. Sie bilden sich darüber, und zwar aus eigenen, persönlichen Gründen heraus. Manchmal spielen auch Erwartungen eine Rolle, die von dem Kind nicht erfüllt werden können. Auch dafür kann erste einmal keiner was. Es ist natürlich und nicht verwerflich. Es ist ein Zeichen der eigenen Menschlichkeit.

Beispiel für nerviges Erleben des Kindes

Warum mag ich mein Kind nicht?

  • Es schreit den ganzen Tag. Es gibt mir keine Sekunde für mich. 

Erwartung: Das Kind müsste auch meine Bedürfnisse sehen.

Bewertung: Ich opfere mich hier auf und es ist undankbar.

  • Ich habe meine Karriere für dieses Kind geopfert. Und jetzt sitze ich hier und es brüllt. 

Erwartung: Wenn ich schon meine Karriere aufgebe, muss es ein ganz besonderes Kind sein.

Bewertung: Es hat sich nicht gelohnt. Ich habe einen Fehler gemacht.

  • Es sieht aus wie sein Vater. Ich habe es ausgetragen und kümmere mich nur darum. Es hat nichts von mir. 

Erwartung: Es müsste mehr aussehen wie ich.

Bewertung: Ich bin enttäuscht. Ich hätte gerne etwas mehr von mir weitergegeben.

Schlechte Gefühle gegenüber dem Baby anschauen, nicht leugnen

Diese vereinfachten Beispiele sollen den komplexen Zusammenhang vereinfachen, der in einer engen Bindungsfindung und -situation bestehen. Wir haben immer Erwartungen an andere Menschen. Und auch wenn es kognitiv klar ist, dass das Kind noch keine Bedürfnisse anderer Menschen verstehen kann und auch nichts dafürkann, wie es aussieht, so können sich doch diese Gefühle unbemerkt einschleichen.

Daher möchte ich jede ermutigen, die sich bei negativen Gefühlen ertappt, diese genauer zu betrachten (und nicht aus Scham wegzuschieben).

Mithilfe des Mamamindful Journals kannst du direkt loslegen. Nach diesem Prinzip kannst du viele Situationen identifizieren, in denen du sehr stark (negativ) reagierst.

Hilfe holen hilft Mama und Kind

Meistens hilft es bereits, sich dem eigenen Anteil der Zuschreibungen bewusst zu werden. Durch das Überlegen alternativer Erwartungen oder Bewertungen können manchmal kritische Gefühle weniger stark auftreten oder sich ganz und gar verändern. Hierbei kommt oft erschwerend hinzu, dass die Erwartungen vollkommen unrealistisch sind und dies einem durchaus auch bewusst ist. Durch die aktive Arbeit an diesen inneren Sätzen können sie sich jedoch auch der Realität anpassen.

Wer hier vielleicht auf größere (Lebens-)Probleme stößt, dem möchte ich eine Psychotherapie ans Herz legen. Hier können solche Themen in Ruhe aufgearbeitet werden.

Und das ist kein Versagen! Es ist eher eine Stärke sich Hilfe holen zu können, wenn man welche braucht, und nur dann kann man sich auch stetig selber weiterentwickeln.

Wenn du die Worksheets und Infosheets direkt anschauen möchtest, klicke hier.