Baby fördern – Nein, danke!

Baby fördern – sollte man das? So ein Gedanke wäre mir niemals gekommen, bevor ich ein eigenes Kind hatte.

Eines der interessanteren Dinge, die ich aber nun als Mutter feststellte war, dass ich mein Kind plötzlich mit allen anderen Kindern verglich.

In meinem beruflichen Leben habe ich oft gepredigt, dass alle Menschen verschieden und mit unterschiedlichen Talenten gesegnet sind und dass gerade jenes die Welt so interessant und bunt machte.

Jetzt wollte ich unbedingt, dass mein Baby vorne mit dabei war. Eine App sagte mir wöchentlich, welche Fähigkeiten vorhanden sein müssten und ich hakte diese ab. Oder auch nicht.

Babys vergleichen – Absolut unsinnig (und doch automatisch!)

Traf ich eine Mutter mit einem etwa gleichaltrigen Kind, begann die gegenseitige Fragestunde: „Kann sie schon dieses und jenes?“ „Hat sie schon dieses und jenes gemacht?“.

Und dann waren da natürlich die einfach gegebenen Unterschiede in Größe, Gewicht, Haarwuchs oder Augenfarbe.

In den Krabbelgruppen war es mitunter ein Aufgetrumpfe der Babyfähigkeiten. Ich ließ mich nur zu gerne einbeziehen.

Meine Tochter war in allen Dingen „entwicklungsgerecht“, ich musste mir also keine besonderen „Sorgen“ machen. Ich förderte und förderte trotzdem, wo es ging. Beim Sprechen war sie extrem schnell, lautierte früh und brabbelte. Beim Laufen hingegen ließ sie sich Zeit. Es vergingen noch Monate nach Ihrem ersten Geburtstag, bis sie lief.

Das Baby als Erfolgsfaktor

Es war mir extrem wichtig, dass sie alles regelgerecht „erledigte“. Sie war immerhin mein „Job“, und ich sah meine Tochter als Repräsentantin meiner Arbeitsleistung.

Ich erlebte selber Stolz, wenn sie gelobt wurde und fühlte mich glücklich, wenn jemand ihre Schönheit rühmte. In gewisser Weise verschmolz ich mit ihr.

Diese Verschmelzung ist vollkommen normal und recht häufig. Sie kann allerdings auch dazu führen, dass die notwendige Differenzierung zwischen Kind und Mutter nicht mehr richtig funktioniert. Das ist ja das Problem an „Verschmelzung“. Mischt man zwei Farben Wachs zu einer Kerze, dann hat man nur einen Dort zum Anzünden.

Zwei unterschiedliche Personen

Gutgemeinte Kritik oder Vorschläge, die das Kind betreffen, werden mitunter direkt als Angriff auf die eigene Person erlebt. Besonders für die Mütter ist das schwierig, deren Kind nicht auf der Normwelle schwimmt. Aber:

Du bist nicht dein Kind. Dein Kind ist eine eigene Person.

Jedes Baby entwickelt sich im eigenen Tempo

Und genau, weil das Kind eine eigenständige Person ist, hat sie auch ihr eigenes Tempo. Hat dich schon mal jemand gefragt, mit wieviel Monaten du das erste Mal deinen Kopf eigenständig gehoben hast oder dich das erste Mal gerollt hast? Es ist, auf die lange Sicht gesehen, vollkommen irrelevant.

Deswegen ist auch meine App total irrelevant, die mir vorgab, wann meine Tochter was zu können habe. Es lässt eine Erwartungshaltung entstehen, die wirklich vollkommen egal ist. Die vorgibt, das Baby fördern zu müssen.

Eine (spezifische) Förderung von Babys ist oft nicht nötig

Natürlich gibt es vordefinierte Zeitfenster für bestimmte Fähigkeiten. Und wenn Abweichungen entstehen, ist es notwendig, Förderungsmaßnahmen einzuleiten. Für diese Beurteilung ist aber eine Expertenmeinung einzuholen, und nicht die selbst gestellte Diagnose aus einer Panik heraus.

Aber selbst, wenn es Abweichungen gibt ist dies ist kein Drama und spielt oft später keine Rolle mehr.

Es gibt auch Kinder, die manche Dinge nie lernen werden, die eine besondere Unterstützung und Hilfe brauchen. Wo Baby fördern dann notwendig ist – mit Expertenbegleitung.

Das mag mit Sicherheit belastend sein – und ein Vergleich mit anderen Kindern wird die Belastung vermutlich eher steigern. Da ist es sinnvoller, auf die Stärken zu schauen. Unabhängig von scheinbaren „Superkindern“. Und Stärken hat ein jeder Mensch.

Eine fördernde Umgebung für das Baby schaffen

Ich habe in einem Buch gelesen, dass es eigentlich darum gehen sollte, den Kindern die Welt zugängig zu machen, ihr natürliches Interesse zu wecken und mehr oder weniger von Beginn an auf die eigenständige Fähigkeit des Kindes zu vertrauen.

Fördermaßnahmen seien im Prinzip unnötig, da das reine „Sein“ schon Förderung genug sei.

Mit anderen Worten: legt man das Kind auf die Wiese, wird es vielleicht eigenständig den Kopf heben, wenn es etwas sehen möchte. Es hat die Struktur und den Geruch des Grases als Reize, mehr braucht es nicht. Die einzige Aufgabe der Mutter wäre „nur“, dem Kind das Gras zu zeigen und anwesend zu sein.

Diesen Gedanken finde ich sehr reizvoll und ich habe mich oftmals darauf besonnen, wenn ich direkt am liebsten wieder Lernkarten rausgeholt hätte. Ich habe versucht darauf zu vertrauen, dass meine Tochter alles Notwendige lernen wird, wenn ich ihr gemeinsame Erlebnisse zur Verfügung stelle. Und dass die Fähigkeiten dann automatisch kommen.

Entwickle dich – entwickle dein Baby!

Das Mamamindful Journal diese Woche beinhaltet wieder eine Übung zur positiven Selbstansprache.

Diese eignet sich perfekt, um die eigenen Leistungs- oder Normansprüche (zum Baby fördern müssen) in Schach zu halten. Meine liebsten Selbstansprachen dazu habe ich als Denkanstöße und Inspiration wieder mit aufgeführt.

Babys fördern – So nicht!

Ich muss aber auch ganz ehrlich sagen: manchmal hat es mich einfach genervt, wenn andere Superkinder an meiner Tochter „vorbeizogen“.

Wobei die Kinder mich gar nicht genervt haben. Das waren vielmehr die Mütter, die voller Stolz diese Fähigkeiten präsentierten. Das zeigt aber vielleicht auch nur, wie groß der Wunsch in den Frauen war, endlich etwas Positives zu hören oder Wertschätzung zu erhalten.

Wenn ich mich von so etwas hinreißen ließ und innerlich angespannt wurde, habe ich mich auf einen echten Postkarten-Spruch besannt, der auch an meinem Kühlschrank hängt:

„Jede Blume wächst zu ihrer Zeit. Man kann sie gießen und in die Sonne stellen, aber daran ziehen hilft ihr nicht, schneller zu wachsen.“